ESG-ETFs erleben seit Jahren einen Boom an den Märkten. Doch wer sich tiefer mit der Funktionsweise der Produkte auseinandersetzt, wird bitter enttäuscht. Die Details des vielleicht größten Etikettenschwindels an der Börse. Von Sinan Krieger

Gutes tun und gleichzeitig Renditen einfahren – das Versprechen der ESG-ETFs lockt seit Jahren immer mehr Investoren an, die durch ihr Engagement sich einen „positiven Impact“ erhoffen. Nachdem wir von Beating Beta tiefer recherchiert haben, kommen wir allerdings zu einem ernüchternden Ergebnis: Kaum ein ESG-ETF ist wirklich nachhaltig. Doch beginnen wir ganz am Anfang.

Lass uns als erstes über den MSCI All Country World Investable Market Index (ACWI IMI) sprechen, der der größere Bruder des MSCI World ist und als technisch gesehen weltweit führender Index gilt. Er umfasst mehr als 9.200 Unternehmen aus 23 Industrieländern und 24 Schwellenländern und deckt damit etwa 99 Prozent des weltweiten Aktienmarkts ab. Produkte, die den MSCI ACWI IMI als Benchmark nutzen, haben laut MSCI ein Vermögen von etwa 4,8 Billionen US-Dollar, was etwa 4,2 Prozent des weltweit verwalteten Vermögens entspricht. Bei meinen Gesprächen mit Fondsmanagern, Vermögensverwaltern und Privatanlegern fällt auf, dass insbesondere eine große Gruppe von jungen Anlegern ihre Sparpläne in ACWI-ETFs investiert.

Interessant wird es jedoch, wenn wir uns anschauen, was für diese Anlegergeneration von Bedeutung ist. Laut einer aktuellen Umfrage der Stanford University ist ein Drittel der Investoren unter 41 Jahren bereit, auf mehr als zehn Prozent seiner Altersvorsorge zu verzichten, um Fortschritte in den Bereichen Soziales und Umwelt bei den Unternehmen zu bewirken. In einer weiteren Umfrage von IBD/TIPP aus dem Jahr 2020 gaben 93 Prozent der US-amerikanischen Anleger im Alter von 25 bis 44 Jahren an, dass ESG-Rankings ein wichtiger Faktor bei ihren Anlageentscheidungen sind. Doch nicht nur junge Investoren rücken ESG-Lösungen in den Fokus, sondern auch 78 Prozent aller Anleger jeden Alters stimmten laut einer Umfrage der Deutschen Bank darin überein, dass ihre Investitionen einen positiven Einfluss auf die Welt haben sollten.

Wenn also immer mehr Anleger auf der Welt ihr Kapital nachhaltiger anlegen (wollen) und Welt-ETFs wie der ACWI IMI oder auch der klassische MSCI World insgesamt immer mehr Mittelzuflüsse verzeichnen, müsste dies unweigerlich bedeuten, dass diese nachhaltig sind. Oder zumindest ein bisschen. Aber genau das ist nicht der Fall.

Jetzt gibt es zwei Optionen: Entweder, die befragten Anleger lügen, oder sie wissen gar nicht im Detail, was in so einem Welt-ETF alles drin ist. Eine böse Absicht möchten wir jedoch niemandem unterstellen. Und zugegeben, bei über 9.000 Positionen im MSCI ACWI IMI ist es auch nahezu unmöglich, den Überblick zu behalten. Dennoch haben wir einmal in die Auflistung geschaut und möchten dir anhand von zwei simplen Beispielen zeigen, wo der Idealismus auf die Realität trifft.

Rüstung und Dikatur im Welt-ETF? Ja!

In der Tabelle sind die zehn größten Rüstungskonzerne der Welt aufgelistet und die jeweilige Gewichtung im MSCI AWI IMI:

NameMarktkapitalisierung in Mrd. EuroGewichtung im MSCI ACWI IMI in %
Raytheon Technologies132,60,21
Honeywell124,90,19
Lockheed Martin120,80,16
Boeing85,10,11
Northrop Grumman82,00,10
General Dynamics67,50,08
L3Harris48,00,07
Safran46,20,05
BAE Systems28,80,04
Thales25,00,02
Gesamt:1,03
Quelle: Bloomberg, MSCI

Insgesamt kommen die Top 10 der Rüstungsindustrie somit auf über ein Prozent. Wer also im Monat eine Sparrate von 100 Euro in einen Welt-ETF investiert, unterstützt mit einem Euro die Rüstungsindustrie. Beim MSCI-World-ETF, in dem keine Schwellenländer vertreten sind, beläuft sich der Anteil sogar auf über 1,3 Prozent. Zum Vergleich: Länder wie Schweden oder die Niederlande kommen beim ACWI ebenfalls auf eine Gewichtung von einem Prozent. Ohnehin lohnt sich ein Blick auf die gesamte Länder-Allokation des ACWI. Vor allem auf die Regionen, in denen ein anderes oder kein Demokratieverständnis existiert. Hierzu habe ich den aktuellen und mittlerweile wohl vielen Lesern aus Wikipedia bekannten Demokratieindex von The Economist genauer betrachtet und mit den Ländern im ACWI abgeglichen. Der Demokratieindex bewertet jedes Jahr das Demokratie-Level von über 160 Ländern anhand von 60 Kriterien auf einer Skala von null (schlecht) bis zehn (sehr gut). Wenig verwunderlich: Auch bei der letzten Messung lagen die skandinavischen Länder auf den Top-Positionen. Spitzenreiter ist Norwegen mit 9,75 Punkten.

Weitaus dramatischer liest sich die Einleitung der Studienmacher insgesamt: Nicht einmal die Hälfte aller Menschen auf der Welt leben demnach in einer Demokratie. In der folgenden Tabelle siehst Du die Länder aufgelistet, die sowohl im ACWI IMI vertreten sind als auch beim Demokratieindex in den zwei schwächsten Kategorien eingeordnet sind. Zu den Hybridregimen werden dabei Länder gezählt, die sich entweder auf dem Weg von einem autoritären Regime zu einer schwachen Demokratie befinden oder umgekehrt.

NationDemokratieindex in PunktenKategorieGewichtung im MSCI ACWI IMI in %
China2,21 Autoritäres Regime3,00
Hongkong5,60Hybridregime0,69
Saudi-Arabien2,08Autoritäres Regime0,44
VAE2,90Autoritäres Regime0,15
Katar3,65Autoritäres Regime0,11
Kuwait3,91Autoritäres Regime0,09
Türkei4,35Hybridregime0,04
Ägypten2,93Autoritäres Regime0,01
Mexiko5,57Hybridregime0,25
Gesamt:4,78
Quelle: EIU, MSCI

Insgesamt kommen jene Länder auf einen Anteil von fast fünf Prozent. Und weil keines der genannten Rüstungsunternehmen in einem der aufgelisteten Staaten ansässig ist, könnten böse Zungen also den errechneten „Sündenanteil“ auf fast sechs Prozent aufsummieren. Ist das sinnvoll? Vermutlich nicht. Ist der Weltindex deshalb moralisch verwerflich? Auch das möchte ich verneinen. Es ist nicht seine Aufgabe, zu richten, sondern neutral die Weltwirtschaft abzubilden. Dennoch habe ich festgestellt, dass viele jüngere Anleger, die auf einen breit gestreuten Welt-ETF setzen, oftmals gar nicht genau wissen, in was sie dort alles investieren.

Was heißt schon „nachhaltig“?

ESG-ETFs sollen hier Abhilfe schaffen. So die Theorie. In der Praxis fällt das Ergebnis aber ernüchternd aus. Um bei der Familie an MSCI-Welt-Indizes zu bleiben lohnt sich beispielsweise ein Blick auf den MSCI World ESG Screened-Index. Dieser verspricht, „umstrittene Waffen, Atomwaffen, Tabak, Kraftwerkskohle, Ölsand, Unternehmen, die den Global Compact der Vereinigten Nationen nicht einhalten, und zivile Feuerwaffen“ auszuschließen. Klingt vorbildlich, doch bei genauer Betrachtung fällt auf, dass von den zehn größten Rüstungskonzernen der Welt (Du erinnerst dich) eines immer noch vertreten ist: L3Harris Technologies. Und genau hier beginnt die Absurdität, wenn man versucht, Nachhaltigkeit quantitativ zu messen. Denn woran kann es liegen, dass L3 Harris weiterhin in der ESG-Variante des Weltindex vertreten ist, während die anderen Big Player der Rüstungsbranche ausgeschieden sind? Liegt es an den konkreten Produkten? Ist ein Zulieferer im Bereich der Kommunikationstechnik für ein Kriegsflugzeug moralisch weniger verwerflich als ein Zulieferer, der die Munition bereitstellt? Was ist mit einem Reifenhersteller, dessen Produkte zwar zu 95 Prozent bei Pkw im Einsatz sind, wobei aber ein kleiner Teil der Absatzmenge auch an Kriegsflugzeugen montiert ist? Ist ein Solaranlagenhersteller mit einer Männerquote von 100 Prozent im Vorstand nachhaltiger oder weniger nachhaltig als ein Fracking-Konzern mit tadelloser Frauenquote?

Wir könnten ein ganzes Buch mit solchen Fragen füllen, die zwar auf jedem Börsenstammtisch eine garantiert intensive Diskussion anregen würden, aber nun einmal nicht in einem Anlageprodukt standardisiert und zufriedenstellend beantwortet und abgebildet werden können. Dafür ist die Frage nach der Nachhaltigkeit viel zu individuell. Denn während der eine Anleger seinen Fokus auf den CO2-Ausstoß legt, ist für den anderen das Thema Equal-Pay wichtig. Und während Rüstungsunternehmen nun einmal auch einen wichtigen Beitrag zur Sicherheit eines Landes beitragen können, müssen wir auch die Frage nach Lebensmittelkonzernen stellen, die übermäßig Zucker in ihren Produkten verwenden. Selbstredend will dies bei den großen Index- und ESG-Rating-Anbietern niemand hören. „Die eigentliche Mission von MSCI ist es, Investoren dabei zu helfen, bessere Portfolios für eine bessere Welt aufzubauen“, verkündete MSCI-CEO Henry Fernandez bereits 2019. Eine starke Aussage vom stärksten Anbieter von ESG-Indizes auf der ganzen Welt. Doch die Sache hat einen ganz großen Haken: Die MSCI-ESG-Ratings messen nicht die Auswirkungen eines Unternehmens auf die Erde und die Gesellschaft. Vielmehr messen sie das Gegenteil: die potenziellen Auswirkungen der Welt auf das Unternehmen und seine Aktionäre. Welch teils paradoxe Auswirkungen dies auf die Unternehmensauswahl in den ESG-Indizes hat, zeigt eine umfassende Auswertung von Bloomberg.

Zwischen Januar 2020 und Juli 2021 hat Bloomberg alle 155 Rating-Upgrades von S&P 500-Unternehmen genauer untersucht. Dabei fiel auf, dass die eigentliche Klimabilanz nahezu gar keine Rolle dabei spielt, ob ein Unternehmen ein ESG-Upgrade erhält oder nicht. Das beste Beispiel: Der Fast-Food-Gigant McDonald’s, der 2019 mehr Treibhausgasemissionen als beispielsweise Portugal verursachte. Im Jahr 2019 verursachte McDonald’s 54 Millionen Tonnen Emissionen, was einem Anstieg von etwa sieben Prozent in vier Jahren entspricht. Dennoch stufte MSCI McDonald’s mit Verweis auf die Umweltpraktiken des Unternehmens herauf. MSCI tat dies, nachdem es die Kohlenstoff-Emissionen bei der Berechnung der Bewertung von McDonald’s nicht mehr berücksichtigt hatte. Warum? Weil MSCI feststellte, dass der Klimawandel weder ein Risiko für das Unternehmen darstelle noch ihm „Chancen“ biete. MSCI berechnete daraufhin die Umweltbewertung von McDonald’s neu, um das Unternehmen für die Minderung von „Risiken im Zusammenhang mit Verpackungsmaterial und Abfall“ im Vergleich zu seinen Konkurrenten zu belohnen. Dazu gehörte auch die Aufstellung von Recycling-Behältern an einer nicht näher bezeichneten Anzahl von Standorten in Frankreich und Großbritannien – Länder, in denen das Unternehmen mit potenziellen Sanktionen oder Vorschriften rechnen muss, wenn es nicht recycelt.

Bei dieser wie auch bei allen anderen Bewertungen hat MSCI nur darauf geachtet, ob Umweltprobleme dem Unternehmen schaden könnten. Jegliche Abschwächung von Risiken für den Planeten war nebensächlich. Übrigens: Laut einer aktuellen Studie des Mirror ist der Verzehr eines Big Macs ungefähr genauso umweltschädlich wie eine fast 13 Kilometer lange Autofahrt mit Verbrennungsmotor – beides führt zu einem Ausstoß von 2,35 Kilogramm CO2.

Aber zurück zur Auswertung von Bloomberg, schließlich ist McDonald’s kein Einzelfall, der die Sinnhaftigkeit infrage stellt. Zum Beispiel wurden 51 Unternehmen hochgestuft, weil sie Richtlinien einführten, zu denen auch das Verbot von Dingen gehörte, die bereits als Straftaten gelten, zum Beispiel Geldwäsche und Bestechung. Fast schon perfide wird es, wenn wir auf den Faktor „Water Stress“ blicken. Dieser bewertet nämlich, ob die lokale Gemeinde ausreichend Wasser für die Geschäftspraktiken eines Unternehmens bereitstellen kann – und nicht, ob das Unternehmen dieses Wasservorkommen bedroht. Dies führte unter anderem dazu, dass Fleisch-Gigant Tyson Foods heraufgestuft wurde. Richtig, das Unternehmen, das zu den größten Verursachern der Wasserverschmutzung in den USA gehört! 2021 zahlte der Konzern eine Summe in Höhe von drei Millionen US-Dollar, nachdem herauskam, dass eine Hähnchenverwertungsanlage von Tyson Foods in Alabama 832.900 Liter Abwasser in den Mulberry Fork ableitete und damit nach vorsichtigen Schätzungen 200.000 Fische tötete.